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Grundlegende Gesichtspunkte zur Wickeltechnik

Zum Begriff „Wickel“

Äußere Anwendungen bedürfen zu ihrer Beschreibung der näheren Bezeichnung. Es gibt je nach Blickwinkel jeweils verschiedene Bezeichnungen für die gleiche Sache.
Äußere Anwendungen sind Vermittler von Heilprozessen über die Haut. Einen großen Anteil haben dabei die dreiteilig aufgebauten Wickelanwendungen:

Ein Innentuch ist Träger eines Agens verschiedenster Art; es folgt ein zweites und ein drittes – die genaue Beschreibung der Tücher erfolgt weiter unten. Das Innentuch wird behutsam, jedoch zügig aufgelegt; das zweite Tuch (Zwischentuch) wird, die Leibesform nachbildend, anplastiziert; das dritte äußerste Tuch (Außentuch) schließt ab und macht die Anwendung zu einer Ganzheit.
Es folgt das Zudecken: Schultern einschlagen, Halsbereich sollte nicht eingeengt werden, die Decke rund um den Körper möglichst dicht anplastizieren.  Die auf diese Art feste Packung gibt dem Menschen, der sich jetzt dem Lösen/Auflösen des Leiblichen und Loslassen des Bewusstseins anvertrauen muss, Sicherheit sowie Halt durch das Ertasten seiner Leibesgrenzen. Er erlebt sich als Ganzheit und kann einschlafen. 
So ist einerseits ein Organ oder ein Körperbereich umwickelt, andererseits der ganze Mensch mit seiner Anwendung eingehüllt. Möchte man nun in der Beschreibung die medikamentöse Schicht der Anwendung betonen (und deren Größenverhältnis zum behandelten Körperbereich oder zum ganzen Körper), so spricht man von Auflage, Kompresse, Umschlag. Blickt man auf die vollständige örtliche Applikation oder sogar auf den Patienten, an dem sie angewendet ist, ist die Bezeichnung „Wickel“ am zutreffendsten und allgemeingültigsten. Sie beinhaltet auch, dass ein Mensch wickelt und ein anderer gewickelt wird.
Prototyp eines Wickels ist der feucht-heiße und feucht-warme Wickel. Nach ihm werden die meisten Äußeren Anwendungen Wickel genannt. Nach dem jeweils behandelten Organ oder Körperbereich werden sie Brust-, Leber-, Bauch-, Pulswickel benannt oder nach dem Zusatz Arnika-, Calendula-, Zwiebelwickel oder nach beidem: Schafgarben-Leberwickel.
Eine Besonderheit stellen die Breiumschläge (Kataplasmen) z.B. mit Senfmehl, Ingwermehl, Quark, Zwiebeln, Kartoffeln dar.
Die Bezeichnung „Wickel“ für Äußere Anwendungen ist in Deutschland als eine anerkannte Bezeichnung bis in die Gesetzgebung vorgedrungen.


Grundlagen für die Durchführung von Wickeln und Auflagen

1) Je entspannter ein Patient im Wickel liegen kann, umso größer ist seine leibliche und seelische Aufnahmefähigkeit für die therapeutischen Impulse. Das erreichen wir durch eine gut durchdachte, sorgfältige Vorbereitung und Durchführung (Wärme, Lagerung, Ruhe etc.).
Während der Anwendung sollte der Patient ungestört in den Dialog mit der Heilsubstanz/Anwendung treten können. Deshalb übernehmen Pflegende die Abnahme des Wickels und nicht der Patient.

2) Wärme ist Voraussetzung für die Zirkulations- und Heilprozesse, die wir in der Äußeren Anwendung in die Wege leiten wollen. Daher müssen entsprechende Wärmedefizite beim Patienten beachtet und ggf. vorab schon ausgeglichen werden (Füße müssen warm sein).
Umgekehrt sollte der Organismus nicht durch zusätzliche Wärmequellen von der eigentlichen Wirkung der Anwendung abgelenkt werden (keine Heizdecke, keine Wärmflasche an den Füssen während der Wickelanwendung).
In der Anthroposophischen Medizin spielt bei Wickeln und Auflagen die Variationsbreite der Wärme mit einer dezidierten Dauer eine wichtige Rolle.
Feuchte Wärme auf und über die Haut wirkt auflösend bis in die Tiefe der kranken Organe. Sie verhilft zu einem „sensiblen Chaos“ (2) und macht damit den Bildekräften den Weg frei für Ordnung auf allen Ebenen der Leibesverwandlung. Diese Ordnung kann neu einziehen und sogar individuell werden. Das Bewusstsein des Patienten ist während dieser, den Leib umbildenden schöpferischen Vorgänge, naturgemäß herabgedämpft und muss es sein dürfen. Hier wird die zwingende Notwendigkeit ausreichender Wickeldauer und vor allem jeweils ausreichender Nachruhe einsehbar. Ohne diese schädigt man den Organismus eher, als dass man ihm mit einer Äußeren Anwendung nützt.

3) Nur reine Naturmaterialien verwenden, da diese im Gegensatz zu synthetischen  Beimischungen in der Lage sind, hinsichtlich Wärme und Feuchtigkeit für einen Ausgleich zu sorgen. Das Innentuch ist immer aus glatter Baumwolle, um möglichst viel Kontakt der Substanz mit der Haut zu erreichen. Das Zwischentuch sollte saugfähig und gut anplastizierbar sein. Das Außentuch (Wolle, Molton oder auch Frottee) soll die beabsichtigte Wärme halten und überschüssige Feuchtigkeit aufnehmen. Ein Bettschutz aus Gummi oder Plastik erübrigt sich hierdurch.

4) Dauer und Wirkung: in der Regel soll ein Wickel eine halbe Stunde dauern, dann wird alles Material entfernt (auch die Wärmflasche), die Stelle abgedeckt, und es folgt die Nachruhe mit einer halben Stunde. Diese ist unbedingt einzuhalten. „ Die Zeit der direkten Einwirkung dient zur Chaotisierung, zur Lösung kranker Verhältnisse. In der Nachruhe eignet sich der Organismus in einer schöpferischen Phase die Wirkung des Wickels an, und baut neue Ordnung auf. Ein neues Ineinandergreifen der Körperprozesse kann sich einstellen.“ (1)
Das Geheimnis der Wirkung einer Wickelanwendung ist: an einer Stelle des Körpers wird etwas gemacht und es reagiert der ganze Organismus. Das, was an Heilmitteln auf die Haut aufgebracht wird, wird durch das Strömen in die Tiefe des Leibes-Inneren mitgenommen und entfaltet seine Wirkung im Ganzen.

5) Für die Vorbereitung des Patienten und der Anwendung benötigt es eine konzentrierte Achtsamkeit, damit die „Zutaten“ wirklich stimmen. Sicherheit in der Handhabung und zügiges, vorausschauendes Verhalten der Pflegeperson erzeugt beim Patienten Sicherheit und schafft Vertrauen.

Mit einer gelungenen, den Zustand verbessernden Anwendung werden für den Patienten Heilkräfte spürbar und Hoffnung keimt.


(1) Kusserow, M., Weleda Korrespondenzblätter für Ärzte, Nr.133, 1992
(2) Schwenk, Th., Das sensible Chaos. Vol. 10. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1962.